Was ist ein subarachnoidales Divertikel?
Das Rückenmark von Menschen und Tieren ist von verschiedenen Rückenmarkshäuten umgeben, zwischen denen das Nervenwasser (Liquor cerebrospinalis) zirkuliert. Kommt es zu einer örtlich begrenzten Aussackung des sogenannten Subarachnoidalraums in der Arachnoidea (Spinnenhaut), spricht man von einem subarachnoidalen Divertikulum (SAD).
Wenn diese Flüssigkeitsansammlung Druck auf das angrenzende Rückenmark ausübt, kann es zu einer Kompression und zu neurologischen Ausfallerscheinungen kommen.
Warum entsteht ein SAD?
Bisher weiß man nicht sicher, warum es bei Tieren zu subarachnoidalen Divertikeln kommt. Folgende Faktoren spielen aber möglicherweise eine Rolle:
- Angeborene Veränderungen der Rückenmarkshäute
- Störungen im Liquorfluss mit einem „Einwegventil-Effekt“, bei dem Flüssigkeit hereinfließt, aber nicht mehr richtig abfließt
- Sekundäre (erworbene) Ursachen, z. B. nach einem Trauma, Entzündungen oder anderen Wirbelsäulenerkrankungen
- Rasse- und anatomische Besonderheiten, z. B. im Zusammenhang mit Wirbelsäulenfehlbildungen bei brachyzephalen Hunden wie Möpsen oder Französischen Bulldoggen
Welche Tiere sind betroffen und was sind typische klinische Anzeichen der Erkrankung?
Sowohl Hunde als auch Katzen können von der Erkrankung betroffen sein. Rasseprädispositionen bei Hunden bestehen für den Mops, die Französische Bulldogge sowie den Rottweiler, es können aber auch Hunde anderer Rassen betroffen sein.
Die klinischen Zeichen hängen davon ab, an welcher Stelle im Rückenmark sich das subarachnoidale Divertikel befindet. Am häufigsten ist die Hals- oder Brustwirbelsäule betroffen. Schmerzen sind kein klassisches Anzeichen eines SAD. Typischerweise berichten Tierhalterinnen und Tierhalter über:
Motorische Auffälligkeiten
- Unsicherer Gang (Ataxie) – besonders beim Laufen, Treppensteigen oder Springen
- Schwäche – oft stärker in den Hintergliedmaßen
- „Wegknicken“, Stolpern oder Schleifen der Pfoten
- Die Anzeichen entwickeln sich meist langsam und schreiten über Wochen bis Monate fort
Autonome Probleme
In einigen Fällen können auch Probleme der Blase oder des Darms auftreten, was zu Urin- und/oder Kotinkontinenz führen kann.
Wie wird ein SAD diagnostiziert?
Neurologische Untersuchung
Der erste Schritt ist immer eine neurologische Untersuchung, um festzustellen, ob tatsächlich eine Erkrankung des Nervensystems vorliegt und um einzugrenzen, in welchem Bereich des Rückenmarks das Problem liegt (z. B. Hals- oder Brustwirbelsäule).
Bildgebung
Im Anschluss an eine vollständige neurologische Untersuchung und Lokalisierung ist zur weiterführenden Diagnostik eine Magnetresonanztomographie (MRT) sinnvoll, weil sie nicht nur das Rückenmark, sondern auch den Liquorraum und das Divertikel selbst sehr detailliert darstellt. In der Vergangenheit wurden auch die Myelographie (Röntgen mit Kontrastmittel im Spinalkanal) oder die Myelo-CT (CT mit Kontrastmittel) häufig genutzt; heute ist die MRT in den meisten Fällen überlegen.
Wie kann man ein SAD behandeln? – konservativ oder operativ?
1. Konservative (medikamentöse) Behandlung
Ziel der konservativen Therapie ist es, die sekundären Veränderungen, die das SAD am Rückenmark hervorruft, zu behandeln. Das SAD selbst wird dadurch nicht behoben. Neben unterstützenden Maßnahmen wie Physiotherapie kommen teils entzündungshemmende Medikamente oder Wirkstoffe zum Einsatz, die die Liquorproduktion beeinflussen (z. B. Prednisolon).
Werden Anzeichen für Schmerzen festgestellt, sollte zusätzlich eine angemessene Schmerztherapie begonnen werden. Eine deutliche klinische Besserung ist mit konservativer Therapie eher selten zu erzielen: Nach aktuellen Studiendaten verbessert sich der Zustand bei etwa 30 % der behandelten Hunde, ein ähnlich großer Anteil bleibt stabil, während sich die Erkrankung bei den übriogen trotz Behandlung weiter verschlechtert.
2. Operative Behandlung
Bei der operativen Behandlung wird das SAD chirurgisch eröffnet, um den Liquorabfluss zu verbessern und so den Druck vom Rückenmark zu nehmen.
Verschiedene Operationstechniken sind beschrieben (z. B. Durotomie, Durektomie, Marsupialisation des Divertikels oder das Einsetzen eines Shunts). Die Wahl der Methode hängt vom Einzelfall ab und wird von der zuständigen Neurochirurgin oder dem zuständigen Neurochirurgen bestimmt. In Studien verbesserten sich die neurologischen Funktionen bei etwa 80 % der operierten Hunde bereits kurz nach der Operation. Bei einem Teil der operierten Hunde kam es jedoch in den Monaten nach der Operation zu einer erneuten Verschlechterung. Vor allem Möpse waren häufiger von einer erneuten Verschlechterung betroffen, sodass diese Rasse offenbar eine weniger günstige Langzeitprognose hat als andere Hunde.
Die Datenlage zur operativen Behandlung bei der Katze ist noch recht begrenzt. Nach einer erfolgten Operation ist eine gute Nachsorge mit tierärztlichen Kontrollen, Physiotherapie, anfänglicher Ruhighaltung und Kontrolle des Urin- und Kotabsatzes wichtig. Eine Kot- und Urininkontinenz kann trotz Operation auch dauerhaft bestehen bleiben.